|
Der TV Stammheim ist Deutscher Meister 2010 im Hallenfaustball. Durch eine unglaubliche Energieleistung belohnte sich das Team mit dem Titel.

"Aufgrund ausgedehnter Meisterfeierlichkeiten verzögert sich die Aktualisierung der Homepage leider um 60 Stunden." Diese Meldung hätte durchaus einen Platz auf der Homepage des Stammheimer Bundesligafaustballs verdient gehabt, aber die Auswirkungen des unglaublichen Erfolges vereitelten sogar eine kurze Meldung dieser Art.
Direkt nach der Siegerehrung begann ein Feiermarathon der ganz besonderen Art: - rund 3 Stunden Busfahrt auf der Mannschaft und Fans gemeinsam alle Fangesänge der DM zelebrierten und nebenbei auch das eine oder andere Getränke zu sich nahmen. - Empfang im Vereinsheim mit weiteren Fans und dem Vorstand des TV Stammheim bis spät in die Nacht. - Oliver Klein "geistlicher Betreuer der Mannschaft" lädt den Großteil des Teams in den Mannschaftsbus und fährt die Deutschen Meister, (wie vor der DM versprochen) nach Gargellen ins Montafon. - nach rund 2 Stunden Schlaf beginnt der Skitag für die Deutschen Meister mehr oder weniger direkt mit dem Apres Ski und endet erst gegen 3 Uhr Nachts - weitere Details aus diesem Zeitraum verbleiben im Kreis der Mannschaft...
Nun, rund 60 Stunden nach dem verwandelten Matchball ergibt sich endlich die Chance, den Erfolg auch auf der Homepage Einzug halten zu lassen. Doch wie schreibt man einen Bericht über ein unfassbares Wochenende, dessen Erfolg auch Tage danach noch kaum greifbar scheint. Ein nüchterner Spielbericht kann der Feder aus Autors (noch) nicht entspringen, und so kommen die Leser von Faustball-Stammheim in den Genuss einer ebenso intimen wie ungewohnten Perspektive: der der Mannschaft:
Die Saison verläuft sensationell: Wir gehen von Spiel zu Spiel mit großen Schritten unserem großen Ziel, der DM-Endrunde entgegen. Im Hinspiel gegen den TV Vaihingen/Enz wartet der erste Höhepunkt. Vor eigenem Publikum fertigen wir das Topteam richtiggehend ab: 5:1 heißt es am Ende und wir haben zu 100 Prozent das gespielt, was wir selbst als unseren Level ansehen. Der Sieg gibt weiter Auftrieb und von Sieg zu Sieg marschieren wir durch die Saison. Dann das Rückspiel: Am alten Postweg können wir nicht viel entgegensetzen. Vaihingen/Enz hatte eben erst den Europapokal gespielt und steht "voll im Saft". Wir dagegen haben die Weihnachtspause zur Regeneration genutzt (unser Saisonhöhepunkt ist ja noch ein Stück entfernt) und müssen uns beugen. 0:5 tut zwar im ersten Moment weh, aber letztlich ist uns allen klar: Für unsere Ziele ist dieses Spiel letztlich belanglos. Heute haben uns Kolja und Co eine bittere Niederlage beigebracht, aber damit steht es nun eben Unentschieden und wir wissen ja wann die nächste Begenung kommt.
Den Dämpfer aus Vaihingen haben wir auch nach dem letzten Pflichtspiel in Rosenheim nicht vergessen. Noch ein Monat bis zur Endrunde und die Erinnerung spornt uns zusätzlich an, unsere Bemühungen noch weiter zu erhöhen: Dreimal pro Woche trainieren wir gemeinsam und bemühen uns um die Unterstützung von Jogi Bork, dem Weltklassetrainer der in den letzten Jahren besonders mit Erfolgen in der Schweiz auf sich aufmerksam machte. Er sagt zu - das kann uns nur noch stärker machen!
Noch eine Woche bis zur DM - zur Generalprobe zwei Tests unter Vollbelastung: Mit je einem halben Tag Training und einem 2,5 stündigen Spiel gegen die DM-Konkurrenz aus dem Süden, gestaltet unser Spielertrainer Jan Hoffrichter das Wochenende unter den aufmerksamen Augen unseres neuen Interimscoaches zum Härtest. Öschelbronn schlagen wir deutlich mit 6:3, von Vaihingen/Enz trennen wir uns 5:5 Unentschieden - wieder unentschieden, die Entscheidung wird bis zur DM vertagt; kein Drehbuch könnte den Spannungsbogen weiter dehnen. "Ihr habt gezeigt, dass ihr jeden Gegner schlagen könnt. Ruft bei der DM eine Spitzenleistung ab und alles ist möglich" motiviert uns Jogi. Kein Detail unseres Spiels bleibt ihm verborgen und er arbeitet mit Hochdruck daran auch kleinste Details anzusprechen und zu verbessern. Das Ziel ist ohnehin schon lange klar: Offiziell und für die Öffentlichkeit geben wir die Finalteilnahme aus, aber inoffiziell... klar wenn man im Finale steht, will man auch ganz nach oben - und wir wissen es ist möglich!
Die DM beginnt: mit Berlin und Hammah haben wir die auf dem Papier schwersten Gegner zu spielen. Aber wir wissen: Wir haben es selbst in der Hand. Unsere Leistung entscheidet über den Ausgang der Spiele, nicht der Gegner. Das erste Gruppenspiel sehen wir von der Tribüne aus und es bestätigt unsere Einschätzungen: Berlin ist ein technisch überragendes Team, Defensiv auf allen positionen Weltklasse. Aber sie haben Probleme in der Angabe und im Block, unsere Einschätzung aus dem Vorfeld wird nur nochmal bestätigt. Im Spiel selbst reicht uns dann eine durchschnittliche Leistung, um die Hauptstädter mit 3:1 zu besiegen. Nach 11:8 und 11:9 schalten wir, wie schon hin und wieder in der Saison ungewollt einen Gang zurück und bekommen prompt die Rechnung präsentiert: Satzanschluss: 9:11. Kein Grund zur Beunruhigung: Wir wissen um unsere Stärken und dass wir nach schwachen Phasen auch wieder zulegen können. 11:6 heißt es nach dem vierten Satz und wir stehen bereits im Halbfinale - für Berlin ist das Turnier nach der zweiten Niederlage beendet. Die erste von vier Etappen (Halbfinale, Gruppensieg, Finaleinzug, Titel) ist erreicht, nun gilt es auch das zweite Spiel gegen Hammah zu gewinnen, um als Gruppensieger den voraussichtlich etwas leichteren Halbfinalgegner zu bekommen.
Knapp wogt das Spiel zwischen dem Deutschen Hallenmeisters des Vorjahres und uns hin und her. Aber letztlich spielen wir alle zu weit weg von unserer Spitzenform. Wir können zwar alle Sätze ausgeglichen gestalten, verbauen uns aber immer wieder durch individuelle Fehler die Siegchance. 9:11, 9:11 und 11:13 enden die einzelnen Sätze zwar knapp, das Spiel aber geht schmerzhaft deutlich an das Team aus dem Norden. Die Niederlage bedeutet den zweiten Gruppenplatz und das schwerer eingeschätzte Spiel gegen den Gruppensieger der anderen Vorrundengruppe. Das letzte Vorrundenspiel zwischen Vaihingen/Enz und Ahlhorn betätigt die Befürchtungen: Im Halbfinale treffen wir auf den TVV, dem wir bis zum Finale eigentlich aus dem Weg gehen wollten.
Die erste Enttäuschung über die Niederlage ist schnell verflogen und weicht Zuversicht und Mut: "Für uns hat sich nichts verändert; wir haben morgen ein Halbfinale vor uns, dass wir um jeden Preis gewinnen wollen, und danach geht es auf jeden Fall um eine Medaille. Also gilt unsere ganze Konzentration dem morgigen Tag. Was heute war spielt keine Rolle mehr!" Mit diesen Worten entlässt uns Jogi in den Abend. Wir statten der DM-Party einen kurzen Höflichkeitsbesuch ab, besonders um mit unseren Fans, die einmal mehr die größte Abordnung eines Vereins stellen, ein paar Worte zu wechseln. Ein kurzes Getränk, ein bisschen Smalltalk, dann sind wir froh, wieder für uns zu sein und unsere Konzentration wieder komplett den anstehenden Aufgaben widmen zu können.
Sonntagmorgen: Mit dem Frühstück beginnt der neue Tag - der große Tag der Entscheidung. Wir stehen zum zweiten Mal in Folge in einem DM-Halbfinale und erneut geht es gegen Vaihingen/Enz. Im Feld haben wir die Sensation nur knapp verpasst - heute soll es anders laufen. In der Halle angekommen beginnt die Vorbereitung: wir wollen uns noch vor dem ersten Halbfinalspiel ein wenig in der Halle bewegen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen - einige Pressegspräche stehen an, dann beginnt das Halbfinale zwischen Ahlhorn und Hammah. Ein wenig überrascht sind wir schon, dass Ahlhorn das Spiel so dominant gestalten kann. Philipp Meiners hält sein Team mit herausragendem Angabenspiel auf Kurs: Nach 2:0 Satzführung wackelt der größte Faustballverein der Welt nochmal kräftig, aber mit 14:12 gewinnt man den fünften Satz - eine kleine Überraschung, aber für uns nun Nebensache. Wir nehmen das Ergebnis zur Kenntnis aber unser Fokus liegt auf dem bevorstehenden Spiel.
Das Spiel beginnt und Marc Krüger verschafft uns den perfekten Start. Wir wehren die Angabe von Michael Krauß sicher ab und mit einem kurzen Ball bringt uns unsere Nummer Eins in Führung. Noch vor einem Jahr spielte er für den TVV, aber inzwischen gehört er zu uns, ist sportlich und menschlich hundertprozentig angekommen und spürt unsere volle Unterstützung. Wir haben unser Spiel in seine Hände gelegt, ein Vertrauen dass er uns mit tollen Leistungen zurückzahlt. Doch schon in der nächsten Aktion hat er Pech: vom Block springt der Ball in unser Feld und direkt an Marcs Fuß: Er ist eben beim landen, kann unmöglich ausweichen; Unglücklich aber der Ausgleich für Vaihingen. Wir kommen nicht aus der Angabe: Kolja spielt ganz stark auf. 5 Punkte markiert der Vaihingener Hauptangreifer, den wir aus unzähligen Begegnungen seit der Jugendzeit in- und auswendig kennen - dennoch gibt es keine Abwehrchance in dieser Phase. Platziert und hart bombardiert er unsere Diagonalen. 4:11 heißt es nach einem schnellen Satz. Die kurze Pause gibt uns die Chance den Vaihinger Lauf zu unterbrechen. Unser Wille ist ungebrochen - "unser Ball, unser Satz" heißt das Motto, und Marc unterstreicht die Aussage mit einem Ass zum Auftakt. Jetzt sind wir voll da: das Spiel geht hin und her, wir spielen alle am Limit. Immer wieder findet Marc die Lücken in der Vaihinger Abwehr - sie wackelt. Bis zum 7:7 sind beide Teams gleichauf, aber dann setzen wir uns ab: 11:7. Wie schon die ganze Saison über: Unentschieden - einmal mehr...
Weiter geht es in den dritten Durchgang: Die Halle tobt, als gleich der zweite Ball durch einen spektakulären und langen Ballwechsel entschieden wird: "super Faustball" jagt der Liveticker hinaus in die Welt. Wir spielen wie in einem Rausch, aber auch Vaihingen ist in Form: Wieder geht es knapp zu: 7:7, 8:8, 9:9 steht es auf dem Feld, begleitet von Superlativen des Livetickers: "das ist FAUSTBALL", "2mal super Kampf TVV, aber auch Stammheim und der TVV macht den Punkt", "Wahnsinn - Spektakuläre Faustballszenen". Unsere Fans kommen voll auf ihre Kosten, als wir den Satz knapp mit 11:9 für uns entscheiden. Wir haben alle Trümpfe in der Hand. Mit gegnerischem Ball haben wir den Break geschafft, jetzt mit unserem machen wir den Sack zu! Wir brennen alle auf den Sieg, und der Start ist so richtig nach unserem Geschmack. Marc beginnt einmal mehr mit einem Ass, und als er angespielt wird und Jan zuspielen muss, macht Alwin den Punkt: Unterschnitten und mitten ins Vaihinger Herz - von einem Abwehrspieler verladen, das tut dem TVV so richtig weh. Die folgende Angabe landet im Aus und nach einem weiteren Punkt von Marc wechselt Vaihingen. Michael Krauß, der mit seinen sonst so starken Angaben bei uns heute kaum durchkommen konnte, gibt das Service an Kolja ab. Vaihingen kommt nochmal heran, bei 5:5 haben sie ausgeglichen. Marc kontert mit einem Ass und auch im Zweitschlag punktet Jan wiederholt. Bei 10:6 ist es soweit: Wir haben den ersten Matchball. Den ersten können wir nicht nutzen, aber der zweite bringt die Entscheidung: Wir haben es geschafft - das große Duell Vaihingen/Enz gegen Stammheim, das während dieser Hallensaison schon als Südgipfel die Zuschauer elektrisierte, haben wir im letzten Akt deutlich für uns entschieden und stehen im Finale!
Das erste Finale aller Zeiten: Im Feld haben wir es noch denkbar knapp verpasst, aber jetzt ist es soweit: Wie schon im Feld steht nur noch Ahlhorn zwischen uns und unserem Traum. Damals hieß dieser noch "Edelmetall egal welcher Farbe", aber diesmal muss es Gold sein. Mit Silber wollen wir uns jetzt nicht mehr zufrieden geben. Vor der DM hatten wir den ASV nicht auf der Rechnung für das Finale - aber dennoch werden wir sie nicht unterschätzen. Für unsere Fans sind wir haushoher Favorit, aber wir wollen nichts davon hören. Kurz vor dem Ziel von unnötiger Arroganz gestoppt zu werden, das soll uns nicht passieren: "Jede einzelne Aktion ist entscheidend und wichtig für den Spielausgang" hat uns Jogi immer wieder eingebleut, und nach diesem Motto wollen wir auch spielen. Der Spielbeginn beweist, dass wir gut daran tun, erneut um jeden einzelnen Ball zu kämpfen und stets bereit zu sein ans Limit zu gehen. Erst bei 0:3 Rückstand gelingt Jan der erste Punkt, aber weiter ist es eher der ASV der die Akzente setzt. Unser Spiel läuft noch nicht rund aber das kann uns nicht aus der Ruhe bringen. Wir sind als Team gefestigt, haben schon öfter Rückstände aufgeholt und unser Selbstvertrauen ist groß genug um auch beim deutlichen 3:8 Rückstand noch fest an den Satzgewinn zu glauben. Diese Moral zahlt sich einmal mehr aus und wir kämpfen uns zurück: 6:8 und 8:9. "Kowalik rutscht der Ball über den Arm" manifestiert der Ticker den zehnten Ahlhorner Punkt, aber unser Youngster (mit seinen 20 Jahren mit Abstand der jüngste Spieler im Team) hat ohnehin ein großes Ego und lässt sich davon ebenso wenig beeindrucken wie wir anderen. Marc bügelt seinen Fehler mit einem Ass aus und eine Fehlangabe von Philipp Meiners bringt uns den Ausgleich. Zwei weitere Schlagfehler von Ahlhorn nehmen wir dankend an und bekommen selbst bei 12:11 die Chance den Satz zu gewinnen. Mit einer unglaublichen Hechtabwehr im Dreimeterraum sichert uns Jan die Chance auf einen eigenen Angriff und wird mit dem Satzgewinn für diese tolle Aktion belohnt. Unsere Fans stehen Kopf - wieder einmal haben wir eine drohende Niederlage abgwendet und in den Köpfen von Ahlhorn machen sich vielleicht schon schlechte Erinnerungen an die Feld-DM breit, als wir einen 0:2 Satzrückstand noch in den Sieg verwandeln konnten und ihnen die sicher geglaubte Medaille entrissen. Noch jedoch wehren sie sich gegen diese Gedanken und machen uns das Leben weiter schwer. Marc markiert zwar wie üblich den ersten Punkt und bringt uns in Führung, aber trotz 3:1 und 6:2 Führung müssen wir bei 7 den Augleich hinnehmen. Erneut können wir bei 9:10 einen generischen Satzball abwehren und nutzen im Gegenzug unsere erste Chance: 12:10. "Deutscher Meister wird nur der TVS" skandieren unsere Fans uns sie sollen recht behalten. Die Ahlhorner Wiederstand ist gebrochen; sie versuchen das Spiel durch eine Auswechslung vielleicht doch noch zu drehen, aber wir marschieren über 4:1 und 7:1 dem Sieg entgegen. Bei 10:4 haben wir den ersten Matchball: Der Ball liegt perfekt, ein Stück zu weit von der Leine entfernt um dem Blockspieler eine Chance zu geben; Marc sieht die Lücke, aber sein Ball landet einen Zentimeter hinter die Linie. Noch einmal kann der eingewechselte Nils-Christopher Carl punkten, aber dann ist es Jan vorbehalten, den Matchball zu versenken - der verdiente Lohn für seinen Einsatz als Spielertrainer in den letzten 4 Saisons in denen wir gemeinsam den Sprung an die Spitze endlich geschafft haben.
Es ist unglaublich: Wir sind Deutscher Meister und liegen uns in den Armen - jetzt beginnt ein Jubelmarathon, der erst 60 Stunden später einen Bericht auf der Homepage zulassen wird.
Herzlichen Dank an unsere Fans, die seit Jahren mit uns leiden und feiern - und die uns begleitet haben vom Deutschen A-Jugend Meistertitel 1999 über die Lehrjahre (die wahrlich keine Herrenjahre waren) in der 1. Liga bis heute zu den Tagen, in denen wir die Früchte unserer Arbeit ernten.
Nun haben wir Zeit, uns körperlich und auch mental vollkommen zu erholen. Der Lohn für die harte Arbeit war mehr als fair, aber bevor wir die nächsten Aufgaben angehen können, brauchen wir zunächst eine Pause!
|